Autor Thema: Russlands Venusfallen  (Gelesen 2039 mal)

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Offline ddc605

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Russlands Venusfallen
« am: 27,Feb,2009, 17:54:53 »
Quelle: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E3FB2AC8AA7BE45F2BCAF27CF63965615~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Wie angle ich mir einen Millionär?

28. Februar 2007 „Deutsche Männer zu managen ist ein Kinderspiel.“ Nina, eine dreißig Jahre alte Staatsbeamtin, die drei Jahre in Deutschland gelebt hat, fand die Welt dort geradezu weiblichkeitsbereinigt. In der emotionalen Steppenlandschaft des Westens hat die Frau, die sich einen Rock anzieht, beinahe schon gewonnen, sagt Nina, die ihrem Naturtalent, Männer zu becircen, jetzt in Abendkursen den letzten Schliff gibt.

„Sterwologia“ - zu Deutsch etwa Zickologie - heißt die Wissenschaft, mit der immer mehr moderne Russinnen ihrer professionellen wie privaten Karriere aufzuhelfen suchen. Ein erfülltes Frauenleben braucht den Erfolg beim anderen Geschlecht, zumal bei dessen attraktiver, gutsituierter, zu Sponsorentum tauglicher Minderheit. Rund zwölf Prozent ihres Gehalts legt die Russin, Umfragen zufolge, in Make-up an. Doch selbst die vollkommene Schönheit unterliegt der „Sterwa“, eine Vokabel, buchstäblich zu übersetzen als „Aas“, halb verurteilend, halb anerkennend, eine Art femme fatale bezeichnet, die über Leichen zu ihrem Ziel schreitet.

Bei zwanzig Grad Frost durch den Schnee

Der Männermanipulationsguru, zu dem Nina und zwanzig weitere Moskauerinnen an diesem eisigen Winterabend pilgern, ist der Psychologe Wladimir Rakowski, der als langjähriger Mitarbeiter des Katastrophenministeriums sich darauf spezialisiert hat, verlassenen, betrogenen und arbeitslos gewordenen Frauen zu helfen, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Rakowskis Privatschule nistet in einem Moskauer Industriebezirk in jenem Kulturpalast, wo vor fünf Jahren tschetschenische Terroristen das Musical-Publikum als Geiseln nahmen. Bei zwanzig Grad Frost balancieren die Frauen auf hohen Absätzen über schneebedeckte Trottoirs zu einer blauen Hintertür. Auf dem Weg zum Schulsaal im ersten Stock passiert man Marktstände mit Kleidung und Geschirr sowie das leere Theaterfoyer, wo zwei Paare Sporttänze üben. In einem Seitenzimmer führt Rakowski, ein breit gebauter Mann, dessen gütige Miene Vertrauen einflößt, in die offenen Geheimnisse der männlichen Seele ein, während seine jugendliche Gattin für die verführerische Praxis zuständig ist.

Das weibliche Arsenal besteht aus drei Waffengattungen, belehrt Rakowski seine Schülerinnen. Der Typ des kleinen Mädchens, dem Habitus einer ungefähr Fünfjährigen abgeschaut, appelliert an die Beschützerinstinkte des Mannes. Der kokette Teenagertyp wird von jungenhaften Männern bevorzugt. Die reife Frau, die sich nach dem Muster der selbstbewussten Dreißigerin benimmt, zieht infantile Männer magnetisch an. Jede Frau neige einem dieser Typen zu, sagt Rakowski, der den Teilnehmerinnen seines Kurses beibringt, alle drei Register einzusetzen. Wem das noch nicht reicht, der kann in der Meisterklasse lernen, den Heiratswunsch im Mann zu wecken. Die „Sterwa-Zicke“, die er für ein Honorar von gut zweihundert Euro ausbildet, sei keineswegs aggressiv oder gemein, versichert der Psychologe mit weicher Stimme. Sie mache sich bei Männern unentbehrlich, indem sie ihnen das Überlegenheitsgefühl gebe, das sie nun einmal brauchten. Weshalb Rakowski die Grundregel verkündet, prahlsüchtige Männer seien ausgiebig zu loben.

Das furchtsame Männerherz

Im Praxisunterricht lernt die angehende Sterwa die Kunst der Verführung. Dabei ist es wichtig, das furchtsame Männerherz nicht zu erschrecken. Eine Anfängerin, die im Rollenspiel mit Rakowski herausfinden soll, was er an Frauen mag, fragt ihn unverblümt nach seinem Geschmack. Das sei zu direkt, korrigiert der Experte für zwischengeschlechtliche Chemie, mehr schmeichelnde Töne würden ihre Chancen verbessern. Die gelehrige Nina, die innerhalb weniger Monate zu Rakowskis Meisterschülerin aufgestiegen ist, zeigt, wie es geht. Mit strahlendem Kinderlächeln und klimpernden Wimpern schmiegt sie sich katzenhaft an die Journalistin, die ihr gerade am nächsten steht. Dann demonstriert Nina stolz, wie sie jeden Mann dazu bringe, ihr die Tür aufzumachen. Sie trippelt zum Ausgang, bleibt dort stehen und wendet sich mit einem freudig erwartungsvollen Gesichtsausdruck um, der an einen Hund denken lässt, der gleich eine Scheibe Wurst bekommt.

Wie ein guter Schauspieler muss eine echte Zicke mit ihrer Theaterrolle verschmelzen, um glaubwürdig zu sein. Wie man sich, mädchenhaft schüchtern oder rassig geheimnisvoll, hinsetzt, aufsteht, etwas fallen lässt und dann elegant aufhebt, muss zu Hause weiter geübt werden, bis es in Fleisch und Blut übergeht, erklärt Frau Rakowskaja. Dabei findet jede Frau ihren eigenen Stil. Heute wird der schöne Gang trainiert. Die in Bürokleider oder -röcke gehüllten Moskauerinnen defilieren durch den Saal, die Pumps wie auf dem Catwalk entlang einer imaginären Linie setzend. An ihrer stolzen Haltung und dem sicheren Schritt erkennt man, dass Typ drei an der Reihe ist, die Grazie der reifen Frau. Beim Gang des jungen Mädchens, an dem letzte Woche gearbeitet wurde, tänzelt man leicht und wiegt die Hüften. Die russische Kindfrau, die der väterliche Rakowski besonders schätzt, macht kleine Schrittchen und faltet vor Schüchternheit gern die Hände.

Die Wahl zwischen drei Heiratskandidaten

Rakowski betrachtet seine Zickenschule, die in Petersburg, Jekaterinburg, Kasan und Kiew Filialen hat, als eine Art modernen Benimmunterricht. In vorrevolutionären Zeiten genügte es, höheren Töchtern gute Manieren und Handarbeit beizubringen, sagt der Psychologe, heute müssen sie sich in einer männlich beherrschten Berufswelt behaupten. Dabei sei das Sterwa-Training Gold wert, bezeugen die Kursteilnehmerinnen. Eine kaufmännische Angestellte bekennt, sie sei früher Männern aus dem Weg gegangen, aus Angst, ein fester Freund oder Gatte würde sie unterdrücken und zu Hause einsperren. Jetzt habe sie die Furcht überwunden und überlege, wem von drei Heiratskandidaten sie den Zuschlag geben solle.

Eine Buchhalterin erzählt, von ihrem Chef, dem sie früher scheu aus dem Weg ging, werde sie heute hofiert. Dass Mann und Frau offen mitein-ander konkurrieren, auch um die Vorzüge des Mannseins oder Frauseins, ist wohl eine westliche Errungenschaft, glaubt Fjodor, ein Moskauer Komponist und Musikschriftsteller. In Russland findet nichts dergleichen statt, erklärt Fjodor und erinnert daran, dass das Russische für das deutsche Wort „Auseinandersetzung“ bezeichnenderweise kein Äquivalent hat. Ihm begegnen manchmal Sterwa-Frauen, die durch Schmeichelei und Kindchen-Attitüde ihre Karriere zu fördern versuchen, sagt Fjodor. Die könne er aber nicht ernst nehmen.

Russische Frauen sind einsam

Freilich, immer mehr Europäer beschleicht der Verdacht, dass Ehrlichkeit Erotik tötet. Die russische Schule erfolgreicher Weiblichkeit spart die gleichberechtigte Beziehung gerade aus. Vielleicht ist Rakowski deshalb überzeugt, im Grunde seien alle russischen Frauen einsam. Der Zicken-Guru gliedert auch die Männerwelt in drei Typen. Da ist der infantile, psychisch nicht belastbare Mann, der auf starke Frauen anspringt. Der jungenhafte, oft zum Narzissmus neigende Typ sei verantwortungsscheu, aber gut im Bett. Der Papa-Typ braucht eine anschmiegsame Lolita.

Der reife, eigenständige Mann kommt in der Typologie nicht vor. Vielleicht weil solche Wesen in Russlands hart gefügter Subordinationspyramide schlecht gedeihen. Vielleicht aber auch, weil die Angelhaken der Zicke sich an einem solchen Mann schwer verfangen. Als sie gemeinsam mit einigen Nachwuchszicken durch Eis und Schnee zur nächsten U-Bahn-Station stöckelt, zitiert die Journalistin einen oft gehörten Gemeinplatz: Russische Frauen seien für ihre Schönheit berühmt, aber auch notorisch für ihren ökonomischen Vampirismus. Nina lacht. Die Wonnen, die ein Mann genießt, während eine Russin ihm den letzten finanziellen Blutstropfen aussaugt, schwärmt sie, seien mit Geld nicht aufzuwiegen.

Soldatenhemd und Tarnbadehöschen

Einer erfolgreichen Sterwa, die sich Urlaub gönnen will vom Schauspielvirtuosentum ihres Lebens, bieten sich in Moskau diverse Damen-Nachtklubs an, wo Scharen gut gebauter Jünglinge jeder Frau das Gefühl geben, sie sei eine Königin. In der Männer-Strip-Bar „Egoistka“ (Die Egoistin) heben die Bühnentänzer, Kellner, Barjungen ihre Reize heute durch Military-Look hervor, denn es ist Tag des Vaterlandsverteidigers, der russische Männerfeiertag. Ein Dutzend Adonisse in gestreiften Soldatenhemden und Tarnbadehöschen, eine Plastik-Kalaschnikow über der durchtrainierten Schulter, begrüßen den weiblichen Gast mit euphorischem Pfeifkonzert. Auf der Bühne wiegen ein Latin Lover, in dessen Pistolenhalfter eine Banane steckt, und ein blondmähniger Siegfried ihre schönen nackten Oberkörper. Während im realen russischen Leben Frauenüberschuss herrscht, steht der „Egoistin“ hier eine ganze männliche Belegschaft inklusive der unsichtbaren Manager zur Verfügung, die nur danach strebt, sie glücklich zu machen, wie ein Conférencier alle halbe Stunde über Mikrophon verkündet.

Dazu bedarf es echter, nicht metrosexueller Männer, scheinen die „Egoistka“- Choreographen überzeugt. Wie jene hochgewachsenen drei, die in den Sonntagsuniformen der Kriegsmarine auftreten und sie sich zum Disco-Song „Don't save our souls“ synchron vom Leib reißen. Dann betritt, mit Pistole und Suchscheinwerfer, ein attraktives Polizistenpaar die Bühne. Sie verhaften eine Dame aus dem Saal, deren Körper sie ausgiebig nach Waffen abtasten. Dann beginnt das „Verhör“, bei dem der Inspektor sich entkleidet und schlangenhafte Bewegungen über seinem Opfer vollführt. Der begeisterte Beifall legt nahe, dass Frauenglück nicht vollkommen ist ohne eine Prise maskuliner Gewalt.
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